Vom Werkzeug zum Lebensmittelpunkt – Wie viel Digitalisierung braucht der Mensch?

Erstellt von MT | |   Berichte aus dem Schulleben

Am Donnerstag, dem 19. April 2018, referierte Prof. Dr. Stefan Selke um 19 Uhr im Forum des JAG Emden im Rahmen der Emder Forschungstage zum Thema "Soziale und ethische Aspekte der digitalen Selbstvermessung“ und stellte angesichts der zunehmenden Technisie­rung die Frage nach den Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben. Wie viel Selbstvermessung braucht jeder einzelne? Wie viele Daten will man von sich selber er­heben und wer darf diese wie verwenden?

Prof. Selke begann mit der einfachen Frage, wie man Tränen messe? Diese durchaus alltäg­liche, einfache Frage erscheint auf den zweiten Blick schon viel schwieriger. Menge? Häufig­keit? Intensität? Auslöser? Ist die Digitalisierung die Lösung zur Selbstverbesserung, die Chance sich zu motivieren im Wettstreit anderer oder der Beginn der Ausgrenzung? Wer sich selbst eine Zahl gibt, kann vergleichen und verglichen werden. Wo es Gewinner gibt, gibt es aber auch immer Verlierer. Dies sollte man bei all den neuen Trends nicht vergessen.

Der sehr beispielreiche und informative Vortrag war in vier Grundeinheiten unterteilt und Prof. Selke führte die rund 180 Zuhörer mit Beispielen aus der Vergangenheit und Ge­genwart hin zu einem Zukunftsausblick. Der Fokus lag immer darauf, wie sich die Digitalisierung auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft auswirke. Dabei wurde immer im Sinne einer „Kosten und Nutzen“ - Analyse deutlich gemacht, ob überhaupt eine Notwendigkeit zur Digitalisierung vorläge und was mit den Daten tatsächlich gemacht werden könnte. Helfen die „Baby Logging – Socken“ tatsächlich Eltern zu entlasten, weil sie ständig per App über die Vital-Zeichen des Nachwuchses informiert werden oder zwingen sie Eltern noch mehr in die Unruhe, da man glaubt, die App minütlich überprüfen zu müssen. Brauchen wir wirklich Matratzen, die den Abstand von Paaren in der Nacht messen, um so einen Beziehungsstatus festzulegen? Oder Kondome mit Sensoren, damit wir uns im Sexualakt messen und verglei­chen können? Diese und noch mehr Fragen gab Prof. Selke als Anregung, verwies aber auch darauf, dass manche Antworten nur kulturbedingt zu lösen seien. Während bei uns Apps à la „Way Guard“ ein Gefühl von Überwachung und Ausspionieren hervorrufen, können sie in anderen Kulturen ein alltäglich, bewusst gewählter Schutz vor Entführung oder Vergewalti­gung sein.

Eine sehr spannende These wurde den Zuhörern geboten mit der Grundidee, dass der Mensch ein Recht auf Unvernunft habe, weiter sogar, dass diese Unvernunft ihn gerade zum Menschen erst mache. Ein bewusstes Abweichen von der Norm widerspreche dem Grund­gedanken eines digitalisierten, zielgerichteten Ichs, das auf Optimierung aus sei. Oder wol­len wir uns demnächst auf eine Zahl reduzieren lassen, die nicht nur unseren Gesundheits­zustand offenlegt, sondern auch gleich unseren sozialen Status und unsere Zukunftschancen und die unserer Kinder festlegt?

Wer Zahlen erhebt, muss damit rechnen, dass diese ausgewertet werden. Und zum Teil weiß man nicht einmal, wann und wo diese Daten gespeichert und wie sie irgendwann gegen ei­nen verwendet werden. Bei all den Vorteilen und Spielereien der Technik sollte man diese Gefahren nicht vergessen, denn worüber wir heute noch schmunzeln, kann in naher Zukunft die Gesellschaft verändern, wie die Uhr, die in makaberer Weise unsere Lebenszeit hinunter zählt. Motiviert uns das bewusster zu leben, lässt es uns kalt oder ist es nur eine technisierte Form des Damoklesschwertes, welches wir uns freiwillig ans Handgelenk hängen?

Dank eines hervorragenden Redners und sehr facettenreicher Beispiele und Zitate war der Vortrag unglaublich kurzweilig, sehr gelungen und hat an vielen Stellen einen kritischen Blick auf das eigene Verhalten ermöglicht.

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